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Der verlorene Sohn

Der Verlust beginnt in der Tat bei Adam und Eva. Gott schuf in seiner nicht messbaren Liebe ein Geschöpf nach seinem Ebenbild. Es ist allerdings kein Ebenbild in Anlehnung an eine Gestalt, sondern im Sinne einer geistigen Identität. Gott ist kein Verfechter von Größe, Prunk oder protzi-ger Gestalt. Die Gestalt Gottes wird weder in der Bibel noch in der Lehre von Jesus Christus deutlich. Als Synonym steht Vater, Sohn oder Geist.

Und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei, die da herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel im Himmel und über das Vieh und über alle Tiere des Feldes und über alles Gewürm, das auf Erden kriecht. Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann u. Weib. (1. Mos.1.26-27)
Du sollst keine anderen Götter neben mir haben. Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder von dem, was oben im Him-mel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist: Bete sie nicht an und diene ihnen nicht! (2. Mos.20.3-6)

Wenn wir uns von Gott kein Bildnis machen sollen, können wir aus der Erschaffung des Menschen nicht den Schluss ziehen, Gott sehe wie ein Mensch aus. Auch der Begriff Vater ist kein Hinweis auf gesellschaftliche Strukturen, sondern eher ein Verweis auf den Ursprung, sprich den Schöp-fer des Geschöpfes. Gott hat allerdings die Gestalt des Menschen hervorgehoben, indem er auch Mensch geworden ist.

Aber zunächst zu Adam und Eva. Das geschaffene Ebenbild hat nichts Ei-genständiges, denn sein Besitz inklusive seiner Gestalt wurde ihm von seinem Schöpfer gegeben. In seiner unvorstellbaren Liebe will Gott jedoch ein Geschöpf, das ihm ebenbürtig werden soll. Dieses soll etwas besitzen, das ihm allein gehört: die Liebe des Geschöpfes zu seinem Schöpfer. Diese Liebe ist der einzige Besitz des Menschen gegenüber Gott. Um sie zu be-weisen, durfte er von diesem Baum nicht essen.

Der Wunsch des Schöpfers wurde missachtet und die ersten Menschen erkannten, dass sie dadurch ihren einzigen Besitz verloren hatten und nackt waren. Es ist geschehen, das Geschöpf hatte den Weg des Vaters abgelehnt und wurde dazu verdammt, seinen eigenen, neuen, dornigen Weg zu ge-hen. Das Ebenbild hatte seine Bruchstelle. Die logische Strafe war die Ausweisung aus dem Haus des Vaters. Die Sterblichkeit des Leibes war die Folge. Weshalb die Fehlleistung des Menschen gerade hinter dem ba-nalen Symbol des Apfels versteckt wird, kann mit der bekannten Eigenart des Menschen zu erklären sein, Schwächen mit Lächerlichkeit oder Banali-tät kaschieren zu wollen. 

Adam, Eva und die Schlange wurden gleichermaßen bestraft. Die unmiss-verständliche Reaktion Gottes zeigt deutlich, dass es bei ihm kein Verschieben oder Teilen von Schuld gibt. Jeden trifft die volle Schuld. Es gibt keine Ausflüchte: Verführte, Verführter, Befehlsempfänger, überlistet, nachgeeifert oder angestiftet. Jeder Mensch ist für sein Tun allein verant-wortlich.

Ob die Vertreibung aus dem Paradies nur als Strafe anzusehen ist, kann bezweifelt werden. Gott straft nicht um der Strafe willen, sondern es war offensichtlich die einzige Lösung, um dem Menschen die Chance zur Be-sinnung zu geben. Die Basis – Liebe oder Gehorsam, Grundelemente für das Zusammenleben von Schöpfer und Geschöpf – wurde vom Geschöpf abgelehnt. Vielleicht hat Adam nicht erkannt, dass Gehorsam auch durch Liebe ersetzt werden kann. Es begann damit ein langer, dornenvoller Weg für den Menschen, der Umweg über Vernunft und Verstand zur Liebe.

Erbsünde

Erbsünde – in der Form einer Weitergabe von Schuld trifft sicher nicht zu. Es ist aber erkennbar, dass die meisten Menschen immer wieder aufs neue ähnlich handeln. Wie Adam und Eva sind sie nicht bereit, die Liebe Gottes zu erwidern.

Erbsünde ist eher die Neigung des Menschen, sich gegen den Willen Gottes zu stellen. Aus Ichsucht, aus dem Bedürfnis, mehr zu sein als der Mensch tatsächlich ist und sein kann. Nur Gottes Wille kann Wegweiser sein für die Entwicklung in der Schöpfung. So positiv und optimal wie Gott kann kein anderer vordenken. Adam wollte mit Eva nicht akzeptieren, dass an erster Stelle die Liebe steht. Er wollte als erstes wissen. Wissen was hinter dem Apfel verborgen ist. Er sah nur sein Problem und wollte dies so schnell wie möglich lösen. In Gottes Schöpfung steht jedoch an erster Stelle die Liebe zu Gott und dann zum Nächsten. Aus der Sicht des ersten Geschöpfes war sein Nächster – allein Gott.

Für Gott dagegen steht an erster Stelle seine Liebe zum Geschöpf. Er wird seine Macht und Herrlichkeit so ausrichten, dass Raum für die Entwicklung seiner Geschöpfe bleibt. Wenn das Ich an erster Stelle steht, wird das Schöpfungswerk mit dem Menschen auf der Stelle treten, verzögert oder scheitern. Die Freiheit des Menschen besteht einzig darin, das Gesetz Gottes zu akzeptieren oder abzulehnen.

Wenn das Gesetz akzeptiert wird aus Liebe zu Gott, dann steht der Heimkehr des verlorenen Sohnes nichts mehr im Wege. Liebe ist der Wunsch etwas zu tun das dem Nächsten Freude bereitet ohne dass eine direkte Notwendigkeit für dieses Tun besteht.

Der verlorene Sohn ist – anders ausgedrückt – der aus Gott in den Menschen entlassene freie Geist, der verführt durch die Schlange (sein falscher Geist), die Nächstenliebe als Gesetz ablehnte oder nicht erkannte.

Liebe oder Gehorsam

Es mag sein, dass manche Zeitgenossen das Zusammenleben leichter praktizieren können, indem sie Gehorsam üben. Es mag sein, dass auch ein ähnliches Ergebnis erzielt wird. Das Zusammenleben macht jedoch allen Beteiligten wesentlich mehr Freude, wenn es unter der Prämisse gegensei-tiger Liebe und Wertschätzung erfolgt.

Adam und Eva hätten allein aus Gehorsam auf den Verzehr des Apfels verzichten können. Allein aus Gehorsam wären sie allerdings nie die ge-wünschten freien Geister geworden, wie Gott sie sich vorstellt. Sie hätte immer der nagende Zweifel verfolgt: Weshalb muss ich, weshalb soll ich gehorsam sein? Weshalb gerade diesen Apfel nicht essen? Alles darf ich, das nicht! Sie wären, allein durch Gehorsam, nie völlig frei geworden, denn die Schlange in ihnen hätte geherrscht und würde nagen, nagen und heute noch nagen. Diesem Nagen nachgeben, bedeutete andererseits, sein eigenes Ich, seine eigene Identität an die „Schlange“ – den „falschen Geist“ – zu verlieren. Die einzige richtige Lösung war: den Apfel nicht essen, weil ich meinen Schöpfer liebe; weil ich ihm die Freude gönne, die-sen Apfel allein für sich zu behalten. Sei es: dass ich seine nicht verstandenen Ideen akzeptiere, sie dulde, ihn als meinen Schöpfer erkenne und ich seine Gesetze als Ordnungssystem billige, weil es nichts besseres geben kann. Ich baue und vertraue darauf, dass mein Schöpfer mein bestes in dieser Gemeinsamkeit will.

Wenn eine neue Gemeinschaft entsteht, stellt sich die Frage: Welcher Geist soll herrschen? Gehorsam oder Liebe? Gehorsam reicht nicht für ein dauerhaftes Mit- und Nebeneinander. Gehorsam entwickelt keine gleichbe-rechtigten Partner, denn die Schlange lauert permanent im Hintergrund. Liebe dagegen vermeidet von Grund auf eine unheilvolle Dreiecksbezie-hung, wo zwischen Schöpfer und Geschöpf, die Zweifel in Form einer „Schlange“ wachsen. Liebe ist allein auf das Visavis fixiert und ausgerich-tet. Schöpfer und Geschöpf stehen sich allein in ihrem Sein gegenüber. Liebe garantiert in dieser neuen Gemeinschaft, dass keine Machtkämpfe zwischen Schöpfer und Geschöpf entstehen. Es gibt keine bessere Lösung oder Basis, dies dürfen wir unserem Schöpfer glauben.

Der einzige Unterschied zwischen Schöpfer und Geschöpf: Die Liebe des Geschöpfes zum Vater, neben der Liebe des Vaters zum Geschöpf. Das irgendwann vollendete Geschöpf, nach dem Ebenbild, nach dem Ursprung.

Gottes Reich ist so gesehen ein Reich des Geistes. Es musste von Anfang an von Gott entschieden werden: mit welcher Idee, in welchem Geist ist ein Zusammenleben in Ewigkeit möglich. Wie erkennt ein von Gott in die Freiheit entlassener Geist, das Geschöpf Mensch seine Aufgabe? Wie ge-winnt der Mensch die eigene richtige Erkenntnis, die zu einem friedvollen Zusammenleben in Ewigkeit führt. Der erste Versuch schlug fehl, der Mensch war seiner Aufgabe nicht gewachsen. Adam und Eva nahmen den falschen Weg. Beide kamen jedoch zu der richtigen Erkenntnis, dass sie ab sofort vor ihrem Schöpfer nackt waren. Sie hatten nur noch das, was sie von ihm erhalten hatten, sie besaßen nichts Eigenes mehr. Es war auch nichts anderes da, das dafür als Ersatz in Frage gekommen wäre. Die Aus-weisung aus dem Paradies – aus dem Haus Gottes – war schlichtweg nichts anderes als der konsequente neue Anlauf zu einem Geschöpf, das erst aus eigener Erfahrung lernen musste, dass es keine bessere Lösung gibt als Gott und seinen Nächsten zu lieben wie sich selbst.

Die Schlange

Hier noch ein Wort zum Sinnbild - Schlange. Sie ist nichts anderes als ein Symbol oder eine Krücke zum Verständnis. Sie steht für den falschen Geist im Menschen. Der ständige geistige Kampf im Menschen, der nur mit klarem Ja oder Nein beendet werden kann. Erst wenn die Liebe dem Menschen als Wegweiser für seine Entscheidungen dient, dann herrscht nicht mehr der falsche Geist (die Schlange), sondern der liebende Geist Gottes. Die Schlange signalisiert ebenso die Neigung des Menschen, keine eigene Verantwortung übernehmen zu wollen und sich statt dessen hinter allerlei Ausflüchten und anderen (Eva) zu verstecken. Hinter Gott konnte sich Adam in dieser direkten Konfrontation nicht verstecken, allein Eva konnte noch als Ausflucht für sein Tun genommen werden. Die Schlange ist Ausdruck, für den immer wieder im Menschen züngelnden falschen Geist, der wächst und empor quillt, wenn Liebe fehlt.

Kain und Abel

Mit Abel flackerte noch einmal kurz die Chance auf, die Rückkehr zu Gott in Liebe zu vollziehen. Dies wurde allerdings brachial von Kain vereitelt. In der Geschichte von Kain und Abel werden schon zu Beginn des Menschengeschlechtes zwei Dinge deutlich. Erstens, im äußeren Ritus ist vor Gott nichts zu verbergen. Heuchelei führt nicht zum Ziel und irgendwann zeigt jeder Heuchler sein wahres Gesicht. Rituale reichen nicht aus um vor Gott bestehen zu können. Der Mensch kann nicht in seinen Ritualen verharren oder sich auf Dauer in diesen verstecken. Irgendwann schreitet er zur sichtbaren Tat, mit der sein wahres Gesicht in Erscheinung tritt. Der Heuchler Kain entlarvte sich sehr schnell durch den folgenden Brudermord.

Zum zweiten können wir aus der Reaktion Gottes schließen, das Gebot Gottes: "Du sollst nicht töten" - ist auch sein eigener Maßstab. Es lag auf der Hand, dass mit Kain das große Schöpfungswerk wenig Chance auf ein gutes Gelingen hatte. Vielleicht lag die Rettung Kains in seiner Erkenntnis und Einsicht, dass er falsch gehandelt hat. Gott erweist auch hier in seiner Strafe Kain die Gnade trotzdem überleben zu dürfen. Ja, er zeichnet ihn mit einem Mal damit ihn kein anderer erschlagen darf, denn Gott hat ihn schon gestraft. Gleichzeitig werden seine Artgenossen damit verpflichtet, nicht zu töten.

Weiter wird an diesem Urteil gegenüber Kain deutlich, die sogenannten Gesetze der Bibel "Aug um Aug, Zahn um Zahn usw., kann nicht dem Geist des Schöpfers zugeschrieben werden. Es ist die Handschrift übereifriger, machtbesessener Lehrer, die weder fähig waren, Wesentliches von Unwesentlichem, zu unterscheiden noch gewillt waren, sich von Nächstenliebe lenken zu lassen.

Das erste Zusammenprallen von zwei Menschen machte ebenso deutlich, dass die Menschwerdung, selbst von gleichen Geschöpfen, ein äußerst dornenvoller und langer Weg in der Schöpfungsgeschichte werden wird. Es wird dabei allerdings bis heute übersehen, den wesentlich dornenvolleren Weg hat der Schöpfer auf sich genommen. Es kann sich sowieso kein Mensch eine Vorstellung davon machen, was für eine ungeheure Aufgabe es für Gott gewesen sein mag, Mensch zu werden und sich trotz seiner Macht an ein Kreuz schlagen zu lassen.

Die Zehn Gebote

Gott gab mit den "Zehn Geboten" dem Geschöpf noch einmal eine weitere Chance, zu Gott in Liebe zurück zu kehren und sich wieder zu bekleiden. Aus einem Gebot wurden die Zehn Gebote. Warum? Weil die ersten Menschen nicht mehr allein waren. Das Zusammenleben wurde komplizierter. Der Mensch wurde nicht mehr allein von Gott geführt, er war seinen Mitmenschen und deren guten wie schlechten Beeinflussungen ausgeliefert. Die Liebe konnte nicht von Anbeginn als das tragende Fundament im Menschen verankert werden. Es musste dem noch nicht emanzipierten Geschöpf ein akribisches Geländer gegeben werden, an dem es sich entwickeln konnte.

Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir. Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist: Bete sie nicht an und diene ihnen nicht! Denn ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifernder Gott, der die Missetat der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern derer, die mich hassen, aber Barmherzigkeit erweist an vielen Tausenden, die mich lieben und meine Gebote halten.
Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen; denn der Herr wird den nicht ungestraft lassen, der seinen Namen missbraucht.
Gedenke des Sabbattages, dass du ihn heiligst. Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Werke tun. Aber am siebenten Tage ist der Sabbat des Herrn, deines Gottes. Da sollst du keine Arbeit tun, auch nicht dein Sohn, deine Tochter, dein Knecht, deine Magd, dein Vieh, auch nicht dein Fremdling, der in deiner Stadt lebt. Denn in sechs Tagen hat der Herr Himmel und Erde geschaffen und das Meer und alles, was darinnen ist, und ruhte am siebten Tage. Darum segnete der Herr den Sabbattag und heiligte ihn.
Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf dass du lange lebest in dem Lande, das dir der Herr, dein Gott, geben wird.
Du sollst nicht töten.
Du sollst nicht ehebrechen.
Du sollst nicht stehlen.
Du sollst nicht falsches Zeugnis reden wider deinen Nächsten.
Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus.
Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib, Knecht, Magd, Rind, Esel noch alles, was dein Nächster hat. (2.Mos.20.2-17)

Natürlich können gegen diese Gebote zahllose begründete und unbegründete Einwände formuliert werden. Allein die Auswahl der "Zehn Gebote", könnten für einen unvoreingenommenen Menschen schon ein genügender Beweis sein, dass sie von einem weisen, liebenden Schöpfer getroffen wurde. Erst wer sich an dieses Regelwerk ohne wenn und aber hält und trotzdem Gott nicht findet, kann erste leise Zweifel an der Existenz Gottes verlauten lassen.

Es scheint fast unmöglich zu sein, von einem Jungendlichen zu fordern: Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren; wenn er tagtäglich geprügelt, gedemütigt, vernachlässigt wird, keine Liebe erfährt, nur unterdrückt wird. Es mag unmöglich sein, trotzdem gibt es keine andere Lösung. Es bleibt für den Menschen das gültige Regelwerk, mit dem er sich aus dem Sumpf seiner eigenen Unzulänglichkeiten heraus arbeiten muss.

Es ist und bleibt der einzige Weg um zu Gott zu finden, den Kontakt zu Gott herzustellen, damit die Gnade Gottes in jedem einzelnen Menschen wirken kann. Es kann nur jeder Mensch hoffen, dass er immer zum richtigen Zeitpunkt den winzigen Strohhalm erkennt der ihm von Gott gereicht wird um seinem Schöpfer näher zu kommen. Nur so kann der ersehnte Strom der Barmherzigkeit fließen, der von jedem Menschen auf dieser Erde so dringend benötigt wird. Irgendwann wird er vielleicht sogar einsehen, dass nicht er gezogen und gearbeitet hat, sondern Gott der Herr es war, der das Unbegreifliche in ihm zu Wege bringen konnte.

Leider unterliegt gerade der intellektuelle Mensch zu schnell dem Irrtum, die "Zehn Gebote" seien nicht für ihn, sie sind eher etwas für kleine Kinder. Bei richtiger Erziehung, dienen Verbote/Gebote gegenüber Kindern auch nicht Vater und Mutter, sondern sollen dem Kind helfen im Leben besser zurecht zu kommen. Die Menschen müssen sich als erstes bewusst werden: Die Zehn Gebote sind kein Diktat Gottes um Gehorsam gegenüber dem Schöpfer zu erzwingen, sie sind das Geländer für das Geschöpf, um Mensch, um Kind Gottes zu werden. Wenn das einzelne Geschöpf erkennt, dass dieses Regelwerk in seinem Wirken so verankert werden muss, dass es ohne großes Überlegen in sein Fleisch und Blut über geht, dann ist es auf dem besten Weg wahrer Mensch zu werden und den Vater der Ewigkeit zu finden. Wenn die Erfüllung dieser Gebote nicht nur aus Gehorsam, sondern aus Liebe zum Schöpfer geschieht, weil der Mensch erkennt, er findet keine besseren Lösungen für ein friedvolles Leben aller Lebewesen, dann ist das Optimum an Übereinstimmung zwischen Mensch und Gott erreicht.

Vielleicht sind die "Zehn Gebote" nach Moses, tatsächlich für die pubertäre Entwicklungsphase der Menschheit gedacht. Nur wer glaubt, er wäre dieser Phase schon entwachsen, der muss das Gebot für die intellektuelle Phase sauber und haarscharf leben, das lautet: Du sollst den Herrn deinen Gott lieben und deinen Nächsten wie dich selbst! Diese Verdichtung auf einen Satz bringt die Weisheit Gottes in seinem ganzen Gehalt am eindruckvollsten zum Leuchten.

Jesus betont die Bedeutung dieses Fundamentes immer wieder:

Er aber sprach zu ihm: "Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Verstande". 38 Dieses ist das große und erste Gebot. 39 Das zweite aber, ihm gleiche, ist: "Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst". 40 An diesen zwei Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten. (Matth.22.37-40)

Es ist nahezu logisch, wer seinen Nächsten liebt wie sich selbst, der benötigt das Geländer der "Zehn Gebote" nicht mehr, denn alles was er sich zugesteht, wird oder muss er diesem Nächsten/Nachbarn/Mitmenschen ebenfalls zugestehen. Im Gegenteil er wird dafür sorgen, dass der Besitz, der bei ihm angehäuft wurde, auch bei seinem Nächsten ankommt, ist das nicht möglich, bleibt nur das Los des Teilens mit der Preisgabe von allem überflüssigen Besitz.

Wenn das Geschöpf zu dieser Liebe nicht fähig ist, nicht weiß was es heißt: "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst", dann sollte es wieder zum Geländer der vorpubertären Zeit, den "Zehn Geboten" zurückkehren. Du sollst kein falsches Zeugnis geben, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht töten - sind darin sicher das wichtigste kleine Einmaleins jeder Lebensphilosophie.

Wer schon einmal den Versuch unternommen hat nicht zu lügen, der wird verblüfft, verwundert, erstarrt sein, welche Auswirkungen dieses Verhalten auf sein Tun, auf seine Existenz, auf seinen Lebensweg haben kann. Auch die sogenannten kleinen Lügen, die Gefälligkeitslügen gegenüber den Mitmenschen gehören dazu und sollten ausgemerzt werden. Es gibt keine kleinen oder großen Lügen. Der Herr sagt deine Rede sei: Ja, ja oder nein, nein. Wieso wird dies nicht Ernst genommen und von der Christenheit praktiziert? Ohne christliche Lehre haben Menschen schon längst erkannt: Wer sich selbst in kleinen Dingen großzügig erweist und für seinen eigenen Vorteil wirtschaftet, wird nie erkennen, was er in Liebe seinem Nächsten schuldet. Volkstümlich ausgedrückt: "Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr." Die in jungen Jahren eingeübten und praktizierten Kleinigkeiten, bilden die Basis für eine Menschwerdung während des ganzen Lebens.

Es dürfte allgemeine Akzeptanz finden, dass in der multiglobalen Gesellschaft: "du sollst nicht stehlen", nicht mehr allein an dem Verlust von einem Stück Brot oder einem glitzernden Cent-Artikel aus dem Supermarkt festgemacht werden kann. Modernes Stehlen ist nicht mehr allein an Äußerlichkeiten zu erkennen, es ist verschleierter, tiefer greifend und oft von einem strukturellen Ausmaß, dass nur entwirrt werden kann, wenn das erste Gebot beachtet wird: "Du sollst deinen Nächsten lieben, wie dich selbst".

Du sollst nicht töten, in seiner wortwörtlichen Bedeutung - gilt nicht nur gegenüber Menschen. Schon seit Urzeiten erstarrten die Menschen vor Schreck, wenn das tote Tier vor ihnen lag. Leider geht der Mensch im Zeitalter der Massentierhaltung und Massenschlachtung dieser persönlichen Erfahrung allzu gerne aus dem Weg. Der Lernprozess liegt auch hier in den kleinen Dingen: Fliegen, Käfer, Motten, die gedankenlos beiseite geschafft, weggeräumt, erschlagen werden, sind in dieses Gebot eingeschlossen. Wenn dies von klein auf geübt würde, könnte die Einsicht wachsen, dass dieses Gebot gegenüber allen Kreaturen gültig sein müsste. Schon immer ist dem Menschen klar, dass der Tod eines Tieres nicht zum Selbstverständnis des Zusammenlebens gehört. Der Beweis ist die Flucht in Opferkulte und Reinigungszeremonien am Tötungsplatz. Es wäre für alle Menschen von Vorteil, wenn dieses schlechte Gewissen wieder größere Verbreitung finden würde. Tierversuche - unnötige Transporte von gequälten Kreaturen, übermäßiger Fleischgenuss - müssten eingeschränkt oder ganz abgeschafft werden.

Von Anbeginn fühlte sich der Mensch nicht wohl, wenn er schuldig an dem Tod einer anderen Kreatur wurde. Das zeigen schon die alten Riten am Tötungsplatz in denen auch der Urgrund aller Opferriten bis hin zu den Menschenopfern zu suchen ist. Um das schlechte Empfinden zu beruhigen wurden die "Naiven" von "Cleveren" mit unsäglichen Kulten übertölpelt und auf falsche Wege gedrängt.

Selbst das Geballere in Computerspielen kann in diesem Zusammenhang nicht gutgeheißen werden, denn wie schon erwähnt, der Mensch ist ein geistiges Wesen, er gebärt seine Werke in geistigen Gedanken. Und erst in seinen Taten wird deutlich, wessen Geistes Kind er ist. Was täglich eingeübt wird, entlädt sich im Zweifelsfall bedacht oder unbedacht, auch in einer unreflektierten Tat.