Gutenquell

Einleitung

Viele Menschen stellen sich die Frage: Weshalb konnte die Lehre des jüdischen Gottes, von dem sich niemand ein Bildnis machen soll, so wenig Eingang in das tägliche Leben finden, obwohl diese Lehre auf liberalsten und einfachsten Regeln basiert und weder eine Priesterkaste noch großen rituellen Kult propagiert? Welcher Grundsatz für das Zusammenleben von Menschen könnte unmissverständlicher und wegweisender sein, als "du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst"? Weshalb wurde die Tat des Sohnes so wenig verstanden, der eindeutig zeigte, wie wichtig ihm dieses Gesetz ist und dass jeder Mensch daran gemessen wird? Er machte deutlich, dass dieser Maßstab auch für ihn gültig war. Als Beweis seiner Liebe war der Herr bereit, sich zu opfern, ohne irgendwelche Strafen anzudrohen oder Rache zu üben.

Schon die Juden haben nicht verstanden, dass dieser Gott nur als ihr König anerkannt werden konnte, indem seine Gesetze - seine Gebote - befolgt werden, wenn möglich aus Liebe, nicht aus Gehorsam. Auch wenn das Gesetz der Nächstenliebe nicht immer verstanden wird, sollte der Mensch glauben, dass es zu seinem Vorteil eingesetzt wurde. Wer sich darauf einlässt, es zu erproben, wird nicht nur daran glauben, sondern seine eigenen Erfahrungen damit machen. Wegweiser will dieser Gott sein. Dass die Missachtung seiner Gebote (Ratschläge) Brüche und Irrwege zur Folge haben musste, liegt im Wesen von Ursache und Wirkung. Wer einem gut gemeinten Rat nicht nachkommt, wird die Folgen am eigenen Leib spüren. Wer seinen Nächsten tötet, folgt dem archaischen Irrweg: Auge um Auge, Zahn um Zahn.

Ein wesentliches Problem des Menschen ist, dass er noch nicht gelernt hat, was führen und leiten bedeutet; er verwechselt es mit herrschen. Herrschaft zeigt sich in allen Gesellschaften stets in anderen, neuen Formen und fördert archaische Gelüste im Menschen. Wo früher aus einfachen Zeremonien Kulte, Priester und Gottkönige wuchsen, entwickelte sich in Europa auf der weltlichen Seite aus freien Germanen über Hausmeier und Herzöge ein neues König- und Kaisertum. An der Spitze von Demokratien und globalen Wirtschaftsunternehmen stehen heute noch Amtsinhaber und Chefs, die glauben, nach altem Vorbild herrschen und gestalten zu müssen. Im Umfeld der Kirchen wurden aus Fischern, Predigern, Aposteln, Exegeten schließlich Priester, Bischöfe und Päpste oder Patriarchen.

Welche Konsequenzen Königtum oder Herrschaft im allgemeinen zur Folge haben, wurde den Juden prophezeit; alle anderen Völker wollen nicht zur Kenntnis nehmen, dass diese Prophezeiung grundsätzlichen Charakter hat. Mitläufer und Heilsrufer stehen Pate bei der Entwicklung aller Machtstrukturen. Sie hoffen, bevorzugt und privilegiert zu werden und merken nicht, dass sie zu Steigbügelhaltern ihrer Unterdrücker werden. Religion diente den Mächtigen immer als Instrument zur Lähmung der Massen. Herrscher versuchen mit Hilfe von Religionen, jeden zu unterdrücken, der Widerstand leistet oder anders denkt. Die ausdrücklichen Warnungen in der christlichen Lehre, keinen zum Ersten zu machen oder übermäßige Reichtümer anzuhäufen, wurden unter Berufung auf die angeblich von Gott erteilte Ordnungsgewalt missachtet. Schon gar nicht wurde das erste Gebot "du sollst deinen Nächsten lieben, wie dich selbst" zum Mittelpunkt menschlichen Zusammenlebens gemacht. Weshalb haben es weder Könige noch Päpste zum höchsten Gesetz erwählt? Wenn einer dem anderen so viel zugestehen würde wie sich selbst, wie hätten dann Paläste, Schlösser, Residenzen oder große Besitztümer entstehen können?

Neben seinem Streben nach Herrschaft will der Mensch nur widerwillig Weisheiten akzeptieren, die nicht von ihm stammen, aber schon längst vorhanden sind. Er sucht nach neuen Formulierungen, um diese als seine eigenen Ideen präsentieren zu können. Er gründet neue Religionen, entwickelt einen kategorischen Imperativ, formuliert ein neues Weltethos und will nicht einsehen, dass alles Suchen überflüssig wäre, wenn er mehr darüber nachdächte, was es bedeutet, seinen Nächsten zu lieben wie sich selbst. Kinder kommen mit ihren Sprüchen der Sache näher, wenn sie in Reimen trällern "was du nicht willst, das man dir tu, das füg' auch keinem andern zu" oder "quäle nie ein Tier zum Scherz, denn es fühlt wie du den Schmerz".

Alle Mächtigen auf dieser Erde benötigen zur Durchsetzung ihrer Ideen die Mithilfe von Vasallen, Genossen, Abgeordneten, Begleitern und Helfershelfern. Sie wurden von Kaisern, Königen, Päpsten und Diktatoren gefunden und stehen bei Bedarf auch heute bereitwillig gewählten Präsidenten und Vorständen zur Verfügung, selbst wenn deren Ideen mit Menschlichkeit nichts oder nur wenig zu tun haben. Reichtum, Macht und gesellschaftlicher Aufstieg sind nach wie vor die Lockmittel, die bei der Anwerbung von Mitstreitern ihren Zweck erfüllen.

Es hilft nicht, sich über andere zu ereifern; letztendlich muss jeder Einzelne sich um sein Menschsein kümmern und versuchen, es unter Milliarden von Mitmenschen zu zeigen. Wo wir meinen, Fehlverhalten bei anderen anprangern zu müssen, können wir uns die Frage stellen, ob auch wir in ähnlichen Situationen Verlockungen erlegen wären. Es ist schade, dass Menschen, die durch "Glück oder Erfolg" scheinbar bevorzugt werden, sich in kürzester Zeit ähnlich verhalten, wie man es von Machthabern kennt. Am Lebensende wird jeder gefragt werden, was er aus den erhaltenen Talenten gemacht hat und wird "erleben", dass ihm so viel gegeben wird, wie er seinen Mitmenschen gegeben hat. Wenn wir einen Schöpfer als den Vater unseres Ursprungs akzeptieren, dann sollten auf diesem Fundament Gemeinsamkeiten gesucht werden. Wer akzeptiert, dass die Lebensweisheiten in jüdischer Bibel, Neuem Testament oder dem Koran Facetten eines Steines sind, der kann diesen Zusammenhang aus den in diesem Buch ausgewählten Textstellen erkennen und vielleicht sogar den Gedanken mittragen, dass es Sinn und Zweck dieser Lehren ist, den Geist der Nächstenliebe im Menschen zu verankern. Wenn diese Idee in jedem Menschen so verfestigt ist, dass sie ihm in Fleisch und Blut übergeht und sich in seinem Tun zeigt, erst dann ist das Ebenbild, wie es sich der Schöpfer dieser Idee wünscht, vollendet.

Nach einem 46-jährigen Berufsleben ist aus zahllosen Notizen diese Zusammenfassung entstanden. Sie soll zeigen, dass in der christlichen Lehre ganz andere zentrale Grundgedanken enthalten sind, als Herrschaft zu entwickeln und durchzusetzen. Die Bibelverse in diesem Buch stammen zum größten Teil aus der alten, unrevidierten Elberfelder Bibel von 1871. Es mag sein, dass diese alte Sprachform manchen Widerwillen hervorruft; dafür ist der Leser gefordert, diese Texte in seine eigene Sprache zu übertragen.

Wie Erde und Universum einer strengen Logik unterliegen, so ist die theoretische Lehre des jüdischen Gottes mit derselben Logik aufgebaut. Es gilt zu erkennen, wohin diese Lehre führen soll. Menschen, die mit Glauben oder biblischer Lehre wenig oder gar nichts anfangen können, sollten wenigstens die empfohlene Kontrollfunktion in dieser Lehre akzeptieren; sie lautet schlicht "an ihren Früchten/Werken werdet ihr sie (die wahren Menschen) erkennen", nicht an Reden, Gesten, Zeremonien und großen Theorien.