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June 02. 2015 11:09:23
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107 - Das Königreich gleicht einem Hirten

(107) Jesus sprach: Das Königreich gleicht einem Hirten, der hundert Schafe hat. Eines von ihnen verirrte sich, das größte. (Da) ließ er die Neunundneunzig und suchte nach diesem einen, bis er es fand. Als er sich (erfolgreich) abgemüht hatte, sagte er zu dem Schafe: Ich liebe dich mehr als die Neunundneunzig.

Es entspricht dem Gesetz der Nächstenliebe, dass einem Geschöpf geholfen wird, wenn ihm der Untergang droht. Allerdings, selbst in einem Untergang könnte schon Hilfe verborgen sein. Bei diesem Vers ist allerdings einmal der grundsätzliche Wahrheitsgehalt von Überlieferungen anzusprechen, denn der letzte Satz wirkt so nachgeschoben, dass er Jesus nicht unterstellt werden kann.
Wir haben hier mit dem Thomas-Evangelium zwar Verse von höchster Glaubwürdigkeit, trotzdem bergen sie in sich ein Dilemma, dass allen mündlichen und schriftlichen Überlieferungen zu Grunde gelegt werden muss. Wurde die Geschichte von den Zuhörern richtig verstanden? Wurde das Verstandene unverfälscht und wahrheitsgemäß aufgeschrieben? Aus Erfahrung wissen wir, dass selbst kurze Statements nicht immer wahrheitsgetreu weiter transportiert werden. Dies gilt für das Thomas Evangelium, wie für alle übrigen Evangelien und Schriften. Hinzu kommt noch der Intellekt des Schreibers, der dazu drängt  etwas zu verbessern, auszumalen oder zu ergänzen. Undurchschaubar wird die Sache, wenn der Schreiber einen eigenen messianischen religiösen Hintergrund besitzt und meint diesem folgen zu müssen. In den Texten von Lukas oder Matthäus steht weder etwas vom größten Schaf, noch größter Liebe. Bei diesen wird von größter Freude gesprochen, das ist zu verstehen. Die von Menschen immer erwartete Bevorzugung Einzelner ist auch hier reines Wunschdenken. Jesus dürfte weder so gesprochen noch gedacht haben.
Das gleiche Problem zeigt sich übrigens auch in der Geschichte von dem auserwählten Volk, der Juden. Das Volk wurde von Gott erwählt, um in ihm Mensch zu werden. Das bedeutet nicht, andere Völker wären geringer. Zu vermuten ist, Gott wird in seiner ganzen Fülle nur einmal Mensch werden. Der Prophet warnt ausdrücklich, aus dieser Wahl Gottes, eine Rangordnung gegenüber anderen Völkern ableiten zu wollen.