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Letzte Änderung:
June 02. 2015 11:09:23
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12 - Vergleicht mich

Jesus sprach zu seinen Jüngern: Vergleicht mich und sagt mir, wem ich gleiche. Simon Petrus sprach zu ihm: Du gleichst einem gerechten Engel. Matthäus sprach zu ihm: Du gleichst einem Menschen, (der) ein verständiger Philosoph (ist). Thomas sprach zu ihm: Meister, in keiner Weise wird mein Mund ertragen, dass ich sage, wem du gleichst. Jesus sprach: Ich bin nicht dein Meister; denn du trankst und wurdest trunken von der sprudelnden Quelle, die ich ausmaß.


Thomas hat in einem Geistesblitz etwas erahnt, was er mit seinem Mund und Verstand nicht ausdrücken konnte. Er sieht - auf welche Weise auch immer - eine Größe und Herrlichkeit, die menschliches Fassungsvermögen sprengt. Jesus, unter dem Eindruck von Trunkenheit durch Erkenntnis, als „Meister“ anzusprechen, ist einfach arrogant oder schlicht dumm. Jesus korrigiert daher zurecht: ich bin nicht dein Meister. Moses erfuhr am Dornbusch, dass Gott nicht geschaut, sondern höchstens geahnt werden kann. Johannes der Täufer durfte ebenfalls erfahren, welche Größe Jesus hat. Er drückte es im Gegensatz zu Thomas viel treffender aus, indem er sagt: „dessen ich nicht würdig bin, ihm den Riemen seiner Sandalen zu lösen.“ (Luk.3.16) Es liegen „Welten“ zwischen der Erklärung von Thomas, Johannes oder Moses. Jesus sagt noch unmissverständlicher: was Gott ist, weiß neben dem Vater nur der Sohn und ansatzweise der Mensch, dem es der Sohn offenbart.
An diesem Spruch 12 wird deutlich, wie kritisch und aufmerksam wir die Texte in Bibel oder Neuem Testament lesen müssen. Es ist vertretbar, wenn Verse unterschiedlich interpretiert werden. Die Argumentation sollte jedoch nachverfolgt werden können und niemand darf glauben, er allein hätte die ganze Wahrheit erkannt. In der Regel sagen Geistesblitze nur einem persönlich etwas. Für Außenstehende sind sie dagegen schwer oder überhaupt nicht nachvollziehbar.
Jakob Böhme konnte in 15 Minuten ähnliches erfahren wie Thomas und hat ein ganzes Leben dafür benötigt, es zu formulieren. Wir können ihn trotzdem nicht verstehen, denn wir haben nicht erfahren, sondern nur gehört. Sein Erlebnisbericht versucht auszudrücken, was nicht ausgedrückt werden kann.
Interessant sind die Meinungen von Petrus oder Matthäus. Sie unterstreichen die wiederholten Hinweise von Jesus – nach denen sie sein wahres Wesen eben nicht erkannten.