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Letzte Änderung:
June 02. 2015 11:09:23
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55 - Wer nicht seinen Vater ...

(55) Jesus sprach: Wer nicht seinen Vater und seine Mutter hassen wird, wird mir nicht Jünger sein können. Und (wenn er nicht) seine Brüder und seine Schwestern hasst und sein Kreuz trägt wie ich, wird er meiner nicht würdig werden.

Passt zusammen, als erstes Gebot Nächstenliebe zu predigen und gleichzeitig zum Hass gegen Eltern und Geschwister aufzurufen? Wenn wir anstelle hassen - distanzieren - setzen, dann sieht der Text schon anders aus. Die folgende Geschichte kann vielleicht zum Verständnis dieses Spruches beitragen.
Im Hörfunk wurde von einer Tochter berichtet, die sich von ihrem Vater distanzierte, weil er am Ende des 2. Weltkrieges - Stunden vor dem Einmarsch der amerikanischen Truppen - einen Jungen standrechtlich hängen ließ. Der Junge hatte angeblich versucht über eine "tote Telefonverbindung" Kontakt zu den "Feinden" aufzunehmen. Die Tochter hat sich  nach über 50 Jahren dafür eingesetzt, dass diese dunkle Tat noch einmal in aller Öffentlichkeit behandelt wurde. Ein Geschehen aus den allerletzten Kriegsstunden, in dem sich niemand zum hilfreichen Nächsten des Jungen berufen fühlte. Zum Henker dagegen schon. Wenige Stunden später flüchtete der "heldenhafte Offizier". Das Beispiel zeigt, dass Abscheu  oder Distanzierung gegenüber den eigenen Eltern, nicht nur erklärbar, sondern notwendig sein kann.